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Einbürgerung: Auch Hessen plant Leitfaden
Saturday, January 14, 2006, 11:41 PM | Categories: Politics, Citizenship
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14. Januar 2006 Nach Baden-Württemberg plant jetzt auch Hessen eine Anleitung zur Prüfung von Einbürgerungsbewerbern. In einem Fragebogenkatalog, der unter dem Motto „Wissen und Werte” stehe, solle künftig jeder Ausländer, der die deutsche Staatsbürgerschaft anstrebe, belegen, daß er sich mit dieser Republik und ihren Grundwerten auseinandergesetzt habe, sagte der hessische Innenminister Volker Bouffier (CDU) dieser Zeitung.
[Volker Bouffier: "Integration ist mehr als eine Unterschrift".]
Er rechne damit, daß diese als Verwaltungsvorschrift geplante „Handreichung” für die Einbürgerungsbehörden des Landes in etwa einem Monat vorliegen werde. Bouffier erwartet nach seinen Worten von jedem Einbürgerungswilligen ein „staatsbürgerliches Rucksackwissen”, zu dem einerseits Kenntnisse über die Geschichte Deutschlands und die Bedeutung der Europäischen Union gehörten, aber beispielsweise auch das Bewußtsein, wie man sich in einem demokratischen Rechtsstaat gegen vermeintlich erlittenes Unrecht zur Wehr setzen könne. In einem zweiten Schritt sollten unter anderem Fragen zur Rolle von Mann und Frau in der Gesellschaft, zum Gewaltmonopol des Staates oder zum deutschen Wahlrecht gestellt werden.
Frage nach der Einstellung zur Homosexualität
Die im Einwanderungsgesetz verlangte „innere Hinwendung” zur Bundesrepublik Deutschland werde seiner Ansicht nach mit der bisherigen schriftlichen Erklärung des Antragstellers „nicht ausreichend und zielführend” dokumentiert, sagte der Minister. „Integration ist mehr als ein Zeitablauf und eine Unterschrift.” Daher begrüße er es, daß Baden-Württemberg mit seinem „Gesprächsleitfaden” zur Einbürgerung die Debatte darüber eröffnet habe, wie dieses Ziel am besten zu erreichen sei.
Hessen werde sich am Fragenkatalog des Nachbarlands orientieren, aus der Kritik daran aber auch Konsequenzen ziehen. „Die Debatte hat gezeigt, daß man ein richtiges Anliegen nicht dadurch beschädigen sollte, daß man Nebenfragen in den Mittelpunkt rückt”, äußerte Bouffier. So sei etwa die Frage nach der Einstellung der Einbürgerungsbewerber zur Homosexualität möglicherweise „nicht der Weisheit letzter Schluß”. Klar sei auch, daß man in Hessen den Eindruck vermeiden werde, die Überprüfung richte sich vor allem gegen Muslime.
„Wir werden einen eigenen Weg gehen.” Bei Bewerbern, bei denen nach dem Test Zweifel an deren Bekenntnis zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung bestünden, solle die Einbürgerung zunächst ausgesetzt werden, möglicherweise müsse gar der Verfassungsschutz diese Personen intensiver überprüfen. Am Ende der Diskussion sollte nach Auffassung des hessischen Innenministers eine bundeseinheitliche Regelung stehen. Letztlich gehe es bei der Überprüfung darum, „den Bewerbern ein erfolgreiches Leben in diesem Staat und in dieser Gesellschaft zu ermöglichen”. Idealerweise sei am Ende sichergestellt, daß ein Eingebürgerter „nicht mehr ein Türke in Deutschland, sondern ein Deutscher türkischer Herkunft ist”.
"Einbürgerung: Auch Hessen plant Leitfaden." FAZFAZ.Net. Erschienen 14. Januar 2006 <http://www.faz.net/s/Rub
FC06D389EE76479E9E76425072B196C3/Doc~E605B3EE5100A499EB09
F46E72B49F75B~ATpl~Ecommon~Scontent.html>.
| Perpetual Link: | http://german.berkeley.edu:8002/mg/News/index.php?entry=entry060114-234114 |
Beckstein im FOCUS: Ausländische Top-Gefährder müssen in Haft
Saturday, January 14, 2006, 11:33 PM | Categories: Conflicts in the News, Politics
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Bayerns Innenminister Günther Beckstein (CSU) will als Vorsitzender der Innenministerkonferenz das Zuwanderungsgesetz verschärfen. Er kritisierte im FOCUS eine „äußerst unbefriedigende Lücke“. So könne ein Ausländer, der von deutschen Sicherheitsbehörden als Top-Gefährder eingestuft werde und dessen Ausweisung gerichtlich bestätigt sei, nicht in seine Heimat abgeschoben werden, wenn ihm dort Folter oder die Todesstrafe drohe. „Dann läuft er in Deutschland als freier Mann herum. Das halte ich für einen unerträglichen Zustand.“
„Freiwillige Ausreise“
Beckstein verlangte, derart „gefährliche Personen“, die nicht abgeschoben werden dürften, in Haft zu nehmen oder ihnen elektronische Fußfesseln anzulegen, um zu jeder Zeit ihren Aufenthaltsort zu kennen. „Auf diese Weise bringen wir solche Leute dazu, freiwillig auszureisen.“ Die deutschen Sicherheitsbehörden dürften einen Tunesier nur nach Tunesien abschieben. Freiwillig dürfe „er aber überall hingehen – und wir sind ihn los“.
Den irakischen Terrorhelfer Lokman M., der in München zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt wurde, will Beckstein „schon während der Haftzeit ausweisen“. Wenn er frei komme, „muss er sofort in ein Flugzeug verfrachtet und abgeschoben werden“.
Kritik an Zwangsehen
Beckstein hält es zudem für unerlässlich, die „große Zahl von Zwangs- und arrangierten Ehen einzudämmen“. Es könne nicht sein, dass Deutschland „ausländische Eheschließungen länger akzeptieren, bei denen ein oder beide Partner nicht selbst anwesend sind, sondern ohne Einwilligung von Dritten verheiratet werden“. Im Libanon seien solche Ehen gültig. Bisher würden sie auch in Deutschland anerkannt. Dies müsse sich ändern.
Scharfe Kritik übte Beckstein erneut am US-Gefangenenlager in Guantanamo. Die Zustände dort seien „eindeutig rechtswidrig“ und dazu geeignet, „auf Dauer die moralische Autorität des Rechtsstaates zu untergraben“. Er sagte FOCUS: „Die USA sollten daher zu rechtsstaatlichen Prinzipien zurückkehren und dieses Lager so schnell wie möglich schließen.“
"Beckstein im FOCUS: Ausländische Top-Gefährder müssen in Haft." FOCUS Online. Erschienen 14.01.06, 09:53 Uhr <http://focus.msn.de/hps/fol/newsausgabe/
newsausgabe.htm?id=23619>.
„Freiwillige Ausreise“
Beckstein verlangte, derart „gefährliche Personen“, die nicht abgeschoben werden dürften, in Haft zu nehmen oder ihnen elektronische Fußfesseln anzulegen, um zu jeder Zeit ihren Aufenthaltsort zu kennen. „Auf diese Weise bringen wir solche Leute dazu, freiwillig auszureisen.“ Die deutschen Sicherheitsbehörden dürften einen Tunesier nur nach Tunesien abschieben. Freiwillig dürfe „er aber überall hingehen – und wir sind ihn los“.
Den irakischen Terrorhelfer Lokman M., der in München zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt wurde, will Beckstein „schon während der Haftzeit ausweisen“. Wenn er frei komme, „muss er sofort in ein Flugzeug verfrachtet und abgeschoben werden“.
Kritik an Zwangsehen
Beckstein hält es zudem für unerlässlich, die „große Zahl von Zwangs- und arrangierten Ehen einzudämmen“. Es könne nicht sein, dass Deutschland „ausländische Eheschließungen länger akzeptieren, bei denen ein oder beide Partner nicht selbst anwesend sind, sondern ohne Einwilligung von Dritten verheiratet werden“. Im Libanon seien solche Ehen gültig. Bisher würden sie auch in Deutschland anerkannt. Dies müsse sich ändern.
Scharfe Kritik übte Beckstein erneut am US-Gefangenenlager in Guantanamo. Die Zustände dort seien „eindeutig rechtswidrig“ und dazu geeignet, „auf Dauer die moralische Autorität des Rechtsstaates zu untergraben“. Er sagte FOCUS: „Die USA sollten daher zu rechtsstaatlichen Prinzipien zurückkehren und dieses Lager so schnell wie möglich schließen.“
"Beckstein im FOCUS: Ausländische Top-Gefährder müssen in Haft." FOCUS Online. Erschienen 14.01.06, 09:53 Uhr <http://focus.msn.de/hps/fol/newsausgabe/
newsausgabe.htm?id=23619>.
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In Berlin, a Cultural Wall Sets Turks Apart
Thursday, December 22, 2005, 02:02 PM | Categories: Conflicts in the News, Demographics, Citizenship, Culture
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In a Muslim enclave, many find their futures -- and identities -- are torn between countries.
By Jeffrey Fleishman
Times Staff Writer
December 22, 2005
BERLIN -- The Gummi Bear marked the cultural divide between Annette Spieler and the inquisitive little girl.
The principal at the elementary school in the Wrangel neighborhood here, Spieler offers candy as rewards for good grades. One Muslim student asked whether Gummi Bears were made with gelatin, an ingredient often derived from pigs. Spieler had never encountered such a question, but upon checking, she discovered that they were.
"The girl refused it," Spieler said, sitting in her office the other day as stragglers from recess echoed through the hallway. "It was an indication of how the neighborhood has changed. When I came here in 1991, I didn't see as many head scarves as I see now, or as many immigrant women wrapped up all over. But now I see it everywhere. The Islamic religious life is strengthening and it's coming into the schools."
The 12-square-block neighborhood in west Berlin has long been a place where new arrivals to the city flock, struggling to establish themselves and then to escape the incessant hum of courtyard factories and the rattle of machine shops. Bordered by a canal and train tracks, colored with graffiti and scented with wood smoke, the neighborhood today is a glimpse of the immigration pressures that Germany and the rest of Europe face.
It is a microcosm of how a nation's half-hearted efforts at integration have instead created a troubled immigrant population with its own languages, codes and ethos -- a separate world. The families of Turkish workers who began arriving here in the 1960s are into their third generation, but many still feel as if their identities are floating between Berlin and Turkey's Anatolian plains.
Not far from the playground at Spieler's Fichtelgebirge Elementary, the last of the autumn leaves whirled and scraped over the sidewalk, and the olive-skinned boys near the basketball court skipped and hopped around the shy girls. The sounds and the breeze drifted, if you listened, through the stairwell and hallways leading to the living room of Hatice Genc, a broad-faced, smiling mother of four, whose demeanor belied her concern about the future.
"My husband and I keep an apartment in Turkey," said Genc, who arrived in Germany 35 years ago with her father, a "guest worker."
"We're still not sure about our status. What if the German government says, 'OK, all foreigners out'? It happened in World War II when no one believed it could happen. What is integration? Do I have to take my head scarf off, wear short skirts, drink alcohol? I graduated from a German school. I have German friends. But what does integration mean? No one has told me."
That question lingers across Europe, from the ragged suburbs of Paris to the radical neighborhoods of London and through the alleys of Rome. Europe's Muslim population has doubled since the mid-1980s. Yet it is only recently, amid bombings, rising poverty and burning cars, that the continent has become startled by the failure of what it never clearly defined: integration.
Once a pure ethnic German enclave -- a pastor supported Adolf Hitler in the 1930s -- the Wrangel neighborhood was bombed in World War II and shadowed by the Berlin Wall during the Cold War. Today, the neighborhood is 45% immigrant, mostly Turkish. There's not a single ethnic German among the 320 students in Eberhard Klein junior high school. The Tabor Protestant church had 22,000 congregants when it was inaugurated in 1905; today it has 1,500. Down the street, scaffolding cloaks a new multistory mosque and Islamic center.
"I saw my first Turk in 1962," said Harald Zugehoer, who was born in Wrangel in 1949. He moved to a country house south of Berlin years ago, but kept his metal shop in the neighborhood. "People who say integration will never work are right. Berliners are half-spiritual and half-atheist. They can't handle this dogmatic kind of Islam.
"I don't walk the streets here anymore. I come with my car and I leave with my car."
Zugehoer sat in the candlelight of a local tavern, surrounded by the cracked baritones of smokers and a few lined faces he hadn't seen since he was a young boxer. He looked out the window, past the raised train tracks and into the night and its sharp glow of neon. He fished in the nearby canal decades ago, and remembers where things in Wrangel used to be: the department store, the shoemaker, the key maker, the doctor, the dentist -- everything, he said, "that you needed for life."
Those things are gone; new ones with foreign syllables have replaced them. He paused, sipped his black tea. "The neighborhood just went down the drain," he said. "And how can it get better when jobs in Berlin have vanished?"
He said that he had nothing against Turks, he even befriended one while skiing. But he said integration didn't work, no matter how much one side mingled with the other.
The lines of demarcation in Wrangel are often blurred. Young German professionals have recently been drawn to the neighborhood's ethnic atmosphere, yet they send their children to schools in other districts. Punk rockers with purple hair stroll past men in aprons chattering in Turkish and slicing lamb in the window of the Baghdad Cafe. At a nearby bar, Germans sip beer and play cards on one side as Turks stir tea amid the clatter of backgammon on the other.
There are troubling omens in the new mosaic. Unemployment among Turks here is 40%. Thirty percent of high school students drop out, and only 13% attend college.
Amid limited opportunities, many families have turned to religion, and others have embraced the tribal customs their grandparents brought with them decades ago. Fathers in Wrangel still arrange marriages along clan lines, and increasing numbers of women wear head scarves.
Extremism lingers at the neighborhood's edges. Young women who resist reading the Koran are sometimes sent images on their cellphones suggesting they will turn into rat-like creatures.
This year, a former Eberhard Klein student and single mother, Hatun Surucu, was shot by one of her brothers in what police described as an "honor killing" -- to punish her because he thought she had brought shame to the family with her European lifestyle.
Full Story
By Jeffrey Fleishman
Times Staff Writer
December 22, 2005
BERLIN -- The Gummi Bear marked the cultural divide between Annette Spieler and the inquisitive little girl.
The principal at the elementary school in the Wrangel neighborhood here, Spieler offers candy as rewards for good grades. One Muslim student asked whether Gummi Bears were made with gelatin, an ingredient often derived from pigs. Spieler had never encountered such a question, but upon checking, she discovered that they were.
"The girl refused it," Spieler said, sitting in her office the other day as stragglers from recess echoed through the hallway. "It was an indication of how the neighborhood has changed. When I came here in 1991, I didn't see as many head scarves as I see now, or as many immigrant women wrapped up all over. But now I see it everywhere. The Islamic religious life is strengthening and it's coming into the schools."
The 12-square-block neighborhood in west Berlin has long been a place where new arrivals to the city flock, struggling to establish themselves and then to escape the incessant hum of courtyard factories and the rattle of machine shops. Bordered by a canal and train tracks, colored with graffiti and scented with wood smoke, the neighborhood today is a glimpse of the immigration pressures that Germany and the rest of Europe face.
It is a microcosm of how a nation's half-hearted efforts at integration have instead created a troubled immigrant population with its own languages, codes and ethos -- a separate world. The families of Turkish workers who began arriving here in the 1960s are into their third generation, but many still feel as if their identities are floating between Berlin and Turkey's Anatolian plains.
Not far from the playground at Spieler's Fichtelgebirge Elementary, the last of the autumn leaves whirled and scraped over the sidewalk, and the olive-skinned boys near the basketball court skipped and hopped around the shy girls. The sounds and the breeze drifted, if you listened, through the stairwell and hallways leading to the living room of Hatice Genc, a broad-faced, smiling mother of four, whose demeanor belied her concern about the future.
"My husband and I keep an apartment in Turkey," said Genc, who arrived in Germany 35 years ago with her father, a "guest worker."
"We're still not sure about our status. What if the German government says, 'OK, all foreigners out'? It happened in World War II when no one believed it could happen. What is integration? Do I have to take my head scarf off, wear short skirts, drink alcohol? I graduated from a German school. I have German friends. But what does integration mean? No one has told me."
That question lingers across Europe, from the ragged suburbs of Paris to the radical neighborhoods of London and through the alleys of Rome. Europe's Muslim population has doubled since the mid-1980s. Yet it is only recently, amid bombings, rising poverty and burning cars, that the continent has become startled by the failure of what it never clearly defined: integration.
Once a pure ethnic German enclave -- a pastor supported Adolf Hitler in the 1930s -- the Wrangel neighborhood was bombed in World War II and shadowed by the Berlin Wall during the Cold War. Today, the neighborhood is 45% immigrant, mostly Turkish. There's not a single ethnic German among the 320 students in Eberhard Klein junior high school. The Tabor Protestant church had 22,000 congregants when it was inaugurated in 1905; today it has 1,500. Down the street, scaffolding cloaks a new multistory mosque and Islamic center.
"I saw my first Turk in 1962," said Harald Zugehoer, who was born in Wrangel in 1949. He moved to a country house south of Berlin years ago, but kept his metal shop in the neighborhood. "People who say integration will never work are right. Berliners are half-spiritual and half-atheist. They can't handle this dogmatic kind of Islam.
"I don't walk the streets here anymore. I come with my car and I leave with my car."
Zugehoer sat in the candlelight of a local tavern, surrounded by the cracked baritones of smokers and a few lined faces he hadn't seen since he was a young boxer. He looked out the window, past the raised train tracks and into the night and its sharp glow of neon. He fished in the nearby canal decades ago, and remembers where things in Wrangel used to be: the department store, the shoemaker, the key maker, the doctor, the dentist -- everything, he said, "that you needed for life."
Those things are gone; new ones with foreign syllables have replaced them. He paused, sipped his black tea. "The neighborhood just went down the drain," he said. "And how can it get better when jobs in Berlin have vanished?"
He said that he had nothing against Turks, he even befriended one while skiing. But he said integration didn't work, no matter how much one side mingled with the other.
The lines of demarcation in Wrangel are often blurred. Young German professionals have recently been drawn to the neighborhood's ethnic atmosphere, yet they send their children to schools in other districts. Punk rockers with purple hair stroll past men in aprons chattering in Turkish and slicing lamb in the window of the Baghdad Cafe. At a nearby bar, Germans sip beer and play cards on one side as Turks stir tea amid the clatter of backgammon on the other.
There are troubling omens in the new mosaic. Unemployment among Turks here is 40%. Thirty percent of high school students drop out, and only 13% attend college.
Amid limited opportunities, many families have turned to religion, and others have embraced the tribal customs their grandparents brought with them decades ago. Fathers in Wrangel still arrange marriages along clan lines, and increasing numbers of women wear head scarves.
Extremism lingers at the neighborhood's edges. Young women who resist reading the Koran are sometimes sent images on their cellphones suggesting they will turn into rat-like creatures.
This year, a former Eberhard Klein student and single mother, Hatun Surucu, was shot by one of her brothers in what police described as an "honor killing" -- to punish her because he thought she had brought shame to the family with her European lifestyle.
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Das Land, der Film und die Nazis
Friday, December 2, 2005, 02:38 PM | Categories: Culture
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Freitag 47, 11.25.2005
Wolfgang J. Ruf
Das Land, der Film und die Nazis
KOLLEKTIVE SEHNSÜCHTE:Peter Reichels kulturhistorische Studie "Weltkrieg und Judenmord in Film und Theater"schärft den kritischen Blick auf die heutige Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte.
Angesichts der Welle von Filmen über die NS-Zeit, die vor einigen Monaten mit den bunten, aber nicht sonderlich einprägsamen Fernsehspielen zum 60jährigen Jubiläum des Attentats vom 20. Juli 1944 begann und mit dem erstaunlichen Kinoerfolg Der Untergang, fast fünf Millionen Besucher allein in Deutschland, einen Höhepunkt erreichte, hat das bemerkenswerte Buch des Hamburger Zeitgeschichtlers und Politologen Peter Reichel einen besonderen Sinn. Es weckt in Zeiten, die nicht gerade von historischem Bewusstsein strotzen und in denen fast jede neuerliche filmische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust als innovativ ausgegeben wird, Erinnerungen an frühere Versuche von Kino, Fernsehen und Theater, sich auf die Ungeheuerlichkeiten der jüngeren deutschen Geschichte einzulassen. Und es schärft damit gewiss auch den kritischen Blick auf den heutigen Umgang von Film-, Fernseh- und Theatermachern mit dieser Thematik.
Mit so manchen Klischeevorstellungen und Wissenslücken wird dabei aufgeräumt. So macht Reichels Rückblick deutlich, dass auch den (west)deutschen Film der fünfziger Jahre nicht nur Heimat- und Schlagerfilme ausmachten, sondern dass es eine Fülle ambitionierter, wenn auch sehr unterschiedlich gelungener Filme gab, die sich mit der gerade erst überwundenen NS-Zeit auseinander setzten. Selbst zum Wettstreit zwischen ARD und ZDF um den trefflicheren Film zum 20. Juli 1944 schildert Reichel eine Entsprechung aus dem Jahr 1954, als zwei Kinofilme der namhaften Regisseure G. W. Pabst und Falk Harnack zum zehnjährigen Jubiläum von Stauffenbergs Attentat in der damaligen BRD parallel entstanden.
Sicherlich erschütterte die amerikanische Fernsehserie Holocaust im Jahr 1979 ein breites Publikum besonders stark. Aber Das Tagebuch der Anne Frank mit seiner multimedialen Präsenz als Buch, Hollywoodfilm und Bühnenstück hatte schon Jahrzehnte früher kaum minder bewegt. Das Theater konnte in den sechziger Jahren mit Stücken wie Der Stellvertreter von Rolf Hochhuth und Die Ermittlung von Peter Weiss die Debatte um die Schuld an der Ermordung der Juden neu entfachen. Reichel macht bei all diesen Beispielen den jeweils spezifischen zeitgeschichtlichen Kontext deutlich (das deutsch-israelische Verhältnis und die Wiedergutmachungspolitik in den fünfziger Jahren, den Eichmann- und den Auschwitz-Prozess in den sechziger Jahren) und verweist auch auf die unmittelbare politische Wirkung vieler dieser medialen Ereignisse. Ohne die anhaltende öffentliche Diskussion des amerikanischen Holocaust-Melodrams, meint er, wäre ein paar Monate später im Bundestag die 30-jährige Verjährungsfrist für Mordtaten nicht aufgehoben wurden.
Doch Reichels Untersuchung, die sich mit seinen Arbeiten Der schöne Schein des Dritten Reichs und Politik mit der Erinnerung zu einer bemerkenswerten Buchtrilogie über die Ästhetik der NS-Propaganda und die öffentliche Erinnerung an die Nazidiktatur und ihre Verbrechen rundet, bleibt nicht in der bloß kulturhistorisch und -soziologisch orientierenden Beschreibung stecken. Es gelingt ihm immer wieder, an signifikanten Beispielen aufzuzeigen, wie Theater und Film die Wirklichkeit kollektiven Sehnsüchten entsprechend umbogen, mit genehmeren Erinnerungsbildern überlagerten und gar nachhaltige Mythen stifteten - wie den der ehrbaren und sich aufopfernden Wehrmacht im Gegensatz zur verbrecherischen NS-Führung, von Carl Zuckmayers Erfolgsstück Des Teufels General bis zu Frank Wisbars Stalingrad-Film Hunde, wollt ihr ewig leben. Reichel zeigt aber auch, dass solcherart verkrustete Erinnerungsbilder gerade durch Theater und Film immer wieder in Frage gestellt und aufgebrochen wurden. Dabei gerät ihm keineswegs außer Sicht, dass solch fiktive Erinnerungsbilder zwar auch Fragwürdigkeiten mit sich bringen (wie die Melodramatisierung in der Holocaust-Soap), aber Geschichte doch erst emotional erfahrbar machen.
Kenner der Film- und Theatergeschichte mögen sich bei Reichels Auswahl von Beispielen über manche Lücken wundern. Weder von G. W. Pabsts heftig umstrittenen Film Der letzte Akt von 1955, in dem Hitlers Untergang schon trefflich und desillusionierend gezeigt wurde, ist die Rede, noch von Egon Monks vielbeachtetem KZ-Film Ein Tag. Auch viele in diesem Zusammenhang wichtige Dramen, ob von Brecht, Becher oder Kipphardt, von Walser oder Tabori, spielen bei Reichel keine Rolle. Selbst Max Frischs vertracktes Parabel-Stück Andorra, über viele Jahre die maßgebliche Vorlage zur Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus, wird nur am Rande erwähnt. Wichtiger scheint es Reichel, den Blick auch auf Zusammenhänge zu lenken, die hier nicht gleich nahe scheinen (am Beispiel des Skandals um Fassbinders Stück Die Stadt, der Müll und der Tod), und zudem über die deutsch-deutsche Film- und Theaterwelt hinaus auf ausländische Werke, die das aktuelle Geschichtsbild prägten. Die Anschaulichkeit von Reichels Analysen regt ohnehin zu eigenen Erkundungen auf diesem so aufschlussreichen kulturhistorischen Feld an, auf dem es auch um die heutige deutsche Identität geht.
Peter Reichel: Erfundene Erinnerung - Weltkrieg und Judenmord in Film und Theater. Hanser, München und Wien 2004, 374 S., 24,90 EUR
http://www.freitag.de/2005/47/05471502.php
Wolfgang J. Ruf
Das Land, der Film und die Nazis
KOLLEKTIVE SEHNSÜCHTE:Peter Reichels kulturhistorische Studie "Weltkrieg und Judenmord in Film und Theater"schärft den kritischen Blick auf die heutige Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte.
Angesichts der Welle von Filmen über die NS-Zeit, die vor einigen Monaten mit den bunten, aber nicht sonderlich einprägsamen Fernsehspielen zum 60jährigen Jubiläum des Attentats vom 20. Juli 1944 begann und mit dem erstaunlichen Kinoerfolg Der Untergang, fast fünf Millionen Besucher allein in Deutschland, einen Höhepunkt erreichte, hat das bemerkenswerte Buch des Hamburger Zeitgeschichtlers und Politologen Peter Reichel einen besonderen Sinn. Es weckt in Zeiten, die nicht gerade von historischem Bewusstsein strotzen und in denen fast jede neuerliche filmische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust als innovativ ausgegeben wird, Erinnerungen an frühere Versuche von Kino, Fernsehen und Theater, sich auf die Ungeheuerlichkeiten der jüngeren deutschen Geschichte einzulassen. Und es schärft damit gewiss auch den kritischen Blick auf den heutigen Umgang von Film-, Fernseh- und Theatermachern mit dieser Thematik.
Mit so manchen Klischeevorstellungen und Wissenslücken wird dabei aufgeräumt. So macht Reichels Rückblick deutlich, dass auch den (west)deutschen Film der fünfziger Jahre nicht nur Heimat- und Schlagerfilme ausmachten, sondern dass es eine Fülle ambitionierter, wenn auch sehr unterschiedlich gelungener Filme gab, die sich mit der gerade erst überwundenen NS-Zeit auseinander setzten. Selbst zum Wettstreit zwischen ARD und ZDF um den trefflicheren Film zum 20. Juli 1944 schildert Reichel eine Entsprechung aus dem Jahr 1954, als zwei Kinofilme der namhaften Regisseure G. W. Pabst und Falk Harnack zum zehnjährigen Jubiläum von Stauffenbergs Attentat in der damaligen BRD parallel entstanden.
Sicherlich erschütterte die amerikanische Fernsehserie Holocaust im Jahr 1979 ein breites Publikum besonders stark. Aber Das Tagebuch der Anne Frank mit seiner multimedialen Präsenz als Buch, Hollywoodfilm und Bühnenstück hatte schon Jahrzehnte früher kaum minder bewegt. Das Theater konnte in den sechziger Jahren mit Stücken wie Der Stellvertreter von Rolf Hochhuth und Die Ermittlung von Peter Weiss die Debatte um die Schuld an der Ermordung der Juden neu entfachen. Reichel macht bei all diesen Beispielen den jeweils spezifischen zeitgeschichtlichen Kontext deutlich (das deutsch-israelische Verhältnis und die Wiedergutmachungspolitik in den fünfziger Jahren, den Eichmann- und den Auschwitz-Prozess in den sechziger Jahren) und verweist auch auf die unmittelbare politische Wirkung vieler dieser medialen Ereignisse. Ohne die anhaltende öffentliche Diskussion des amerikanischen Holocaust-Melodrams, meint er, wäre ein paar Monate später im Bundestag die 30-jährige Verjährungsfrist für Mordtaten nicht aufgehoben wurden.
Doch Reichels Untersuchung, die sich mit seinen Arbeiten Der schöne Schein des Dritten Reichs und Politik mit der Erinnerung zu einer bemerkenswerten Buchtrilogie über die Ästhetik der NS-Propaganda und die öffentliche Erinnerung an die Nazidiktatur und ihre Verbrechen rundet, bleibt nicht in der bloß kulturhistorisch und -soziologisch orientierenden Beschreibung stecken. Es gelingt ihm immer wieder, an signifikanten Beispielen aufzuzeigen, wie Theater und Film die Wirklichkeit kollektiven Sehnsüchten entsprechend umbogen, mit genehmeren Erinnerungsbildern überlagerten und gar nachhaltige Mythen stifteten - wie den der ehrbaren und sich aufopfernden Wehrmacht im Gegensatz zur verbrecherischen NS-Führung, von Carl Zuckmayers Erfolgsstück Des Teufels General bis zu Frank Wisbars Stalingrad-Film Hunde, wollt ihr ewig leben. Reichel zeigt aber auch, dass solcherart verkrustete Erinnerungsbilder gerade durch Theater und Film immer wieder in Frage gestellt und aufgebrochen wurden. Dabei gerät ihm keineswegs außer Sicht, dass solch fiktive Erinnerungsbilder zwar auch Fragwürdigkeiten mit sich bringen (wie die Melodramatisierung in der Holocaust-Soap), aber Geschichte doch erst emotional erfahrbar machen.
Kenner der Film- und Theatergeschichte mögen sich bei Reichels Auswahl von Beispielen über manche Lücken wundern. Weder von G. W. Pabsts heftig umstrittenen Film Der letzte Akt von 1955, in dem Hitlers Untergang schon trefflich und desillusionierend gezeigt wurde, ist die Rede, noch von Egon Monks vielbeachtetem KZ-Film Ein Tag. Auch viele in diesem Zusammenhang wichtige Dramen, ob von Brecht, Becher oder Kipphardt, von Walser oder Tabori, spielen bei Reichel keine Rolle. Selbst Max Frischs vertracktes Parabel-Stück Andorra, über viele Jahre die maßgebliche Vorlage zur Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus, wird nur am Rande erwähnt. Wichtiger scheint es Reichel, den Blick auch auf Zusammenhänge zu lenken, die hier nicht gleich nahe scheinen (am Beispiel des Skandals um Fassbinders Stück Die Stadt, der Müll und der Tod), und zudem über die deutsch-deutsche Film- und Theaterwelt hinaus auf ausländische Werke, die das aktuelle Geschichtsbild prägten. Die Anschaulichkeit von Reichels Analysen regt ohnehin zu eigenen Erkundungen auf diesem so aufschlussreichen kulturhistorischen Feld an, auf dem es auch um die heutige deutsche Identität geht.
Peter Reichel: Erfundene Erinnerung - Weltkrieg und Judenmord in Film und Theater. Hanser, München und Wien 2004, 374 S., 24,90 EUR
http://www.freitag.de/2005/47/05471502.php
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GEWALT-TABU VON SMUDO ZU SIDO
Friday, December 2, 2005, 02:32 PM | Categories: Culture
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Freitag 47, 11.25.2005
Michael Braun
Triumph der Maulhelden
GEWALT-TABU VON SMUDO ZU SIDO: Die deutschen Gangsta-Rapper und ihr geborgter Nihilismus
Kurz vor Heiligabend 2003 kam ein seltsam feixender Weihnachtsmann in die deutschen Fernsehzimmer. Selbst erfahrene Konsumenten von Musikvideos waren von diesem Auftritt überrascht. Der Weihnachtsmann, der "einen Sack bei hatte", trug eine silbrig glänzende Totenkopfmaske, lümmelte ziemlich unverschämt vor der Kamera herum und verteilte in seinem zum Rap-Song umfunktionierten Weihnachtslied nicht jugendfreie Geschenke an die Bewohner von Berliner Plattenbau-Vierteln. Dieser luziferisch wirkende Weihnachtsmann namens Sido hat es seither geschafft, zum erfolgreichsten Bösewicht der deutschen Musikszene aufzusteigen. Der Mann mit der Maske verkündete bereits im "Weihnachtszeit"-Track sein kühnes Motto: "Das Mittel zum Erfolg ist AGGRO BLEIBEN!"
Tatsächlich hat der Bösewicht aus dem Märkischen Viertel das Aggro-Prinzip, das ganz simpel darin besteht, in Rap-Texten ein Maximum an obszönen und aggressiven Sprüchen unterzubringen, zum Erfolgsmodell gemacht. Zwar hatten schon vor der Gründung des Berliner Plattenlabels Aggro Berlin im Jahr 2001 einige deutsche Nachfahren des amerikanischen "Gangsta Rap" mit aggressiven Texten über proletarische Lebenswelten auf sich aufmerksam gemacht. Aber erst der "Weihnachtszeit"-Rummel verhalf Sido und seinen Kollegen und Konkurrenten Bushido, B-Tight, Fler, Kool Savas oder Eko Fresh zu nationaler Aufmerksamkeit. Im Selbstbild der selbst ernannten "Battle-Rapper" haben wir es mit harten, direkten Texten aus der sozialen Realität der Plattenbau-Ghettos zu tun, die locker-cool im rhythmisierten Sprechgesang herüber genuschelt werden. Es dauerte nicht lange, da meldeten sich besorgte Volkspädagogen zu Wort, die die exhibitionistischen Faxen der Ghetto-Helden als "jugendgefährdend" einstuften. Mehrere Songs der Aggro Berlin-Rapper und von Bushido wurden wegen ihrer "gewaltverherrlichenden" und "sexistischen" Inhalte von der Bundesjugendprüfstelle für jugendgefährdende Medien auf den Index gesetzt. Plötzlich hatte die deutsche Pop-Kultur wieder ein Gespenst entdeckt, das längst vertrieben schien: das Gewalt-Tabu.
Wer die jüngsten Gewalt-Explosionen in den Pariser Banlieues betrachtet, der mag mutmaßen, dass sich hier die frenetische Begeisterung für das "Prinzip AGGRO BLEIBEN" globalisiert hat. Kundige Kulturwissenschaftler haben denn auch den Gangsta-Rap als ideologische Kraftquelle für die ziellosen Brandstifter ausgemacht. Auch in den Pariser Vorstädten, so diagnostizierte etwa Andrian Kreye in der Süddeutschen Zeitung, entlade sich der Zorn einer ghettoisierten Minderheit in selbstzerstörerischem Vandalismus gegen die eigene Community. Bereits die Rassenunruhen in Los Angeles im Jahr 1992 seien von Apologeten des Hip Hop angeführt worden. Für die revoltierenden Schwarzen in Los Angeles lieferten die Protagonisten des "Gangsta-Cool" die Begleitmusik für eine durch und durch nihilistische Gewaltkultur.
Werden die musikalischen Repräsentanten des "destruktiven Charakters" auch in deutschen Metropolen zu Katalysatoren eines neuen Ghetto-Nihilismus? Wer schon die Vorboten des rauschbereiten Nihilismus bei den Nachahmungstätern von Chemnitz (wo jüngst auch Autos brannten) auflodern sieht, der verkennt die spielerischen und selbstironischen Momente der deutschen Gangsta Rap-Inszenierungen. Die verfassungschützerischen Reflexe von politischer Seite wirken hier einigermaßen komisch - bedenkt man die lammfrommen Reaktionen der deutschen Hip-Hopper auf die staatlichen Verbotsdrohungen.
Kaum hatte Monika Griefahn (SPD), die Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Kultur und Medien, angekündigt, die Ausstrahlung jugendgefährdender Musik-Videos verhindern zu wollen, gaben sich die bösen Rapper von Aggro Berlin auf ihrer Homepage ausgesprochen zahm: "Keiner unserer Künstler oder Mitarbeiter ist rechtsradikal. Dieser Vorwurf ist absurd und entbehrt jeder Grundlage. In keinem unserer Musikvideos wird zu Gewalt gegen Frauen aufgerufen oder anderweitig Gewalt verherrlicht."
Dieses Buhlen um Seriosität überrascht dann doch ein wenig. Denn wer sich mit den künstlerischen Verlautbarungen der Berliner "Gangsta Rapper" beschäftigt, trifft allerorten auf tolle Hechte einer gewaltbereiten Proll-Kultur, die sich gegenseitig mit besonders prahlerischen und großmäuligen Texten überbieten. Der deutsche "Battle-Rapper" ist mindestens ein Prahlhans, ein Großmaul und ein enormer Frauenverbraucher - und lässt keine Gelegenheit aus, seine Vorliebe für Drogen, Analsex und Messerstechereien kundzutun. Erfolg hat in der Szene nur, wer sich als destruktiver Charakter outet. Wer dabei Sprache der Ghetto-Kids am besten simuliert, erreicht auf der Skala des moralisch Korrekten die höchstmögliche Alarmstufe. Den größten Provo-Erfolg hat dabei neben Sido der Rüpel-Rapper Bushido, der seinem Künstlernamen, der "Weg des Kriegers" bedeutet, alle Ehre machen will. "Ich plane Morde und Vergewaltigungen mit Beck´s und Gras. Spürst du mein Messer, das war´s", so reimt Bushido und ist mächtig stolz darauf. Den nationalen Rekord in obszöner Großkotz-Sprache darf aber wohl immer noch Sido mit seinem "Arschficksong" für sich beanspruchen: "den leuten fällt es auf, wir reden ständig über scheiße / egal ob flüssig, fest, braune oder weiße / sie fragen, ob ich nur über analsex reden kann / doch es geht nich anders ... ich bin der arschfickmann!"
Dass nun ausgerechnet dieses eher unappetitliche Werk von der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) als Video ab 16 freigegeben wird, hat bei vielen "Stinos" (Stinknormalen) für helle Aufregung gesorgt. Der Frankfurter Oberstaatsanwalt Peter Köhler sieht in einigen Zeilen von Sidos Werk ("Es fing an mit 13 und einer Tube Gleitcreme. / Kathrin hat geschrien vor Schmerzen, mir hat es gefallen") den Tatbestand der Kinderpornographie erfüllt.
Der Streit um die plumpen Tabuverletzungen von Sido und Bushido hat leider das ganze HipHop-Genre in Misskredit gebracht. Wenn sich hier einige verlorene Bürgerkinder - Bushido brach das Gymnasium ab, sein Kollege Fler ein Mathe-Studium - zu harten Ghetto-Helden aufblasen, sollte nicht übersehen werden, dass wir es bei den grobschlächtigen Gesängen durchweg mit epigonalen Inszenierungen zu tun haben. Was uns der Mann mit der Maske oder sein neuestes Provo-Geschöpf Fler vorführen, sind doch nur Bürgerschreck-Posen, ironische Rollenspiele, narzisstische Verwandlungen. Es wird gewiss noch eine Weile so weitergehen mit dem "dirty speech" vom "Ficken" und "Dissen", und vom "Neger bums mich" (B-Tight) - auch weit über die Ekelgrenze hinaus. So darf ein Sido noch vollmundig dröhnen: "Ich setz die Maske auf und schock die Welt / Ich geb´n fick ob´s euch gefällt" - indes: die Schock-Ästhetik ist nur begrenzt haltbar.
Das Rumgehampel der Coolness-Darsteller mit Kapuzenpullis, riesigen Luxuslimousinen und endzeitlichen Stadtkulissen scheint mittlerweile nicht mehr auszureichen. Im Frühjahr hat Fler vom Aggro Berlin-Label die beliebteste Provokationskarte gezogen. Auf einem Musikvideo zu seinem Album Neue Deutsche Welle, das seine Titelmelodie ziemlich unverfroren beim legendären Amadeus-Song des tödlich verunglückten Dandys Falco klaut, kokettiert er mit den Insignien der Nazis: mit der Frakturschrift und einem verfremdeten Reichsadler, der auf Flers Arm landet. Als diese dubiose Form der Imagepflege zu Recht deutlich attackiert wurde, ruderte man in der Szene kleinlaut zurück: "Es gibt keinen deutschnationalen HipHop"!
Bei Lichte besehen, haben diese Sänger des coolen Vorstadt-Daseins und des harten Migranten- und Hartz IV-Alltags nie so recht unter jener Ghetto- und Proll-Realität gelitten, die sie jetzt besingen. Einzig Bushido hatte im Frühsommer seinen frühen Drogen-Eskapaden die Brutalität einer gefährlichen Körperverletzung hinzugefügt, wegen der er in Österreich zu einer milden Geldstrafe verurteilt wurde. Vor Gericht verwandelte sich der Staatsfeind Nr. 1 (so der Titel seines neuesten Albums) in einen reumütigen Ehrenmann im korrekten Anzug. Der Ghetto-Held als demütiger Biedermann - solche Metamorphosen sind bei den amerikanischen Gangsta Rap-Originalen kaum vorstellbar.
So ist dieser grobe deutsche Ghetto-Rap, der unter den 11- bis 18-Jährigen so großen Anklang findet, nur ein ganz schwacher Abklatsch des authentischen Gangsta Raps der amerikanischen Westküste, der Interpreten wie Snoop Dogg, 50 Cent oder Jay Z zu Multimillionären gemacht hat. Das Tragische der deutschen Gangsta Rapper ist in erster Linie, dass sie musikalisch ihren amerikanischen Vorbildern weit unterlegen sind. Mittlerweile haben Sido und Harris auf ihrem brandneuen Album Deine Lieblingsrapper ihre breitbeinigen Vulgaritäten ein bisschen gemäßigt und präsentieren sich statt als tumbe Kinderschänder lieber als gesellschaftstaugliche Hedonisten. Zwar stehen sie noch immer "auf Ketten und kleine Frauen". Aber sie betonen ihre Realitätstüchtigkeit: "Ich lebe mein Leben so gut ich kann, / auch wenn es nich klappt, wenigstens versuchs ich Mann. / Ich könnt locker im Knast sitzen / Ich hatte Glück, hab mich gefangen und jetz steh ich hier."
Und im deutschen HipHop gibt es nicht nur dröhnende Bösewichte, sondern auch die netten Jungs aus der Nachbarschaft. Es hatte ja alles sehr sozialverträglich angefangen mit den intelligenten schwäbischen Abiturienten der Fantastischen Vier, die 1992 so putzig Die da, die mir den Kopf verdreht besangen, ein ironisches Liebeslied, das die selbsternannten Gangsta-Rapper vom Berliner Kiez heute als "Kindergartenmusik" verhöhnen. Der "Fanta 4"-Vorsänger Smudo sitzt heute in zweitklassigen TV-Unterhaltungsshows und schickt aufmunternde Worte an seine proletarischen Kollegen vom Gangsta-Rap. Die Hamburger Gruppe Absolute Beginner verkündete 1998 auf dem Album Bambule noch antifaschistische Botschaften wider "die Karstadtwelt". Bald darauf drohten sich in der HipHop-Szene die sozialkritischen Impulse aufzulösen. Noch einmal vertrieben die Absolute Beginner fünf Jahre nach Bambule in ihrem Hit Gustav Gans die drohende "Schwermut", um weiterhin das große "Ja" zum "harten" und "manchmal kaltblütigen" Leben singen zu können. In der Gegenwart der großen HipHop-Inflation angekommen, sind es nun aber Bands wie Die Firma, die mit großem Erfolg die Grenze zwischen Rap und sentimentalem Schlagertrübsinn zum Verschwinden bringen. Ihr Riesenhit Die Eine ist mit dem Plädoyer für die Monogamie für alle Bevölkerungsgruppen tauglich: "Ich hab die Frau fürs Leben, die Eine mit der ich alles überlebe ... ich bleib dir treu, so wie Josef Maria, / wir trinken jede Nacht Sangria."
Aber es gibt auch noch die coole gesellschaftskritische Gebärde. Der afrodeutsche Rapper Sammy Deluxe, den die ganz harten Jungs als "primitiven Neger" denunzieren, verbreitet in seinen Gesängen zwar auch manch selbstverliebte Zeile, hat aber auch mit seinem Werk Alptraum eine kritische Sozialstudie vorgelegt, die auf jedem SPD-Parteitag bestehen könnte: "Gerhard (Schröder), schau dir doch unsere Jugend mal an / Ein Drittel starrt mit offenem Mund auf ihre Playstation, / Das zweite Drittel feiert im Exzess als Rave-Nation / Abhängig von teuflischen pharmazeutischen Erzeugnissen, / Weil sie nicht wussten, was diese Scheiß Drogen bedeuteten, / Das Dritte Drittel hängt perspektivlos rum auf deutschen Straßen / Kids mit 13 Jahren ziehn sich schon dies´ weiße Zeug in die Nasen / die keine Ziele und keine Träume haben ... ". Es gibt im deutschen HipHop also nicht nur das Getröte der destruktiven Abräumer und Angeber, sondern auch den mitreißenden Gesang über den bundesrepublikanischen Alptraum.
http://www.freitag.de/2005/47/05471101.php
Michael Braun
Triumph der Maulhelden
GEWALT-TABU VON SMUDO ZU SIDO: Die deutschen Gangsta-Rapper und ihr geborgter Nihilismus
Kurz vor Heiligabend 2003 kam ein seltsam feixender Weihnachtsmann in die deutschen Fernsehzimmer. Selbst erfahrene Konsumenten von Musikvideos waren von diesem Auftritt überrascht. Der Weihnachtsmann, der "einen Sack bei hatte", trug eine silbrig glänzende Totenkopfmaske, lümmelte ziemlich unverschämt vor der Kamera herum und verteilte in seinem zum Rap-Song umfunktionierten Weihnachtslied nicht jugendfreie Geschenke an die Bewohner von Berliner Plattenbau-Vierteln. Dieser luziferisch wirkende Weihnachtsmann namens Sido hat es seither geschafft, zum erfolgreichsten Bösewicht der deutschen Musikszene aufzusteigen. Der Mann mit der Maske verkündete bereits im "Weihnachtszeit"-Track sein kühnes Motto: "Das Mittel zum Erfolg ist AGGRO BLEIBEN!"
Tatsächlich hat der Bösewicht aus dem Märkischen Viertel das Aggro-Prinzip, das ganz simpel darin besteht, in Rap-Texten ein Maximum an obszönen und aggressiven Sprüchen unterzubringen, zum Erfolgsmodell gemacht. Zwar hatten schon vor der Gründung des Berliner Plattenlabels Aggro Berlin im Jahr 2001 einige deutsche Nachfahren des amerikanischen "Gangsta Rap" mit aggressiven Texten über proletarische Lebenswelten auf sich aufmerksam gemacht. Aber erst der "Weihnachtszeit"-Rummel verhalf Sido und seinen Kollegen und Konkurrenten Bushido, B-Tight, Fler, Kool Savas oder Eko Fresh zu nationaler Aufmerksamkeit. Im Selbstbild der selbst ernannten "Battle-Rapper" haben wir es mit harten, direkten Texten aus der sozialen Realität der Plattenbau-Ghettos zu tun, die locker-cool im rhythmisierten Sprechgesang herüber genuschelt werden. Es dauerte nicht lange, da meldeten sich besorgte Volkspädagogen zu Wort, die die exhibitionistischen Faxen der Ghetto-Helden als "jugendgefährdend" einstuften. Mehrere Songs der Aggro Berlin-Rapper und von Bushido wurden wegen ihrer "gewaltverherrlichenden" und "sexistischen" Inhalte von der Bundesjugendprüfstelle für jugendgefährdende Medien auf den Index gesetzt. Plötzlich hatte die deutsche Pop-Kultur wieder ein Gespenst entdeckt, das längst vertrieben schien: das Gewalt-Tabu.
Wer die jüngsten Gewalt-Explosionen in den Pariser Banlieues betrachtet, der mag mutmaßen, dass sich hier die frenetische Begeisterung für das "Prinzip AGGRO BLEIBEN" globalisiert hat. Kundige Kulturwissenschaftler haben denn auch den Gangsta-Rap als ideologische Kraftquelle für die ziellosen Brandstifter ausgemacht. Auch in den Pariser Vorstädten, so diagnostizierte etwa Andrian Kreye in der Süddeutschen Zeitung, entlade sich der Zorn einer ghettoisierten Minderheit in selbstzerstörerischem Vandalismus gegen die eigene Community. Bereits die Rassenunruhen in Los Angeles im Jahr 1992 seien von Apologeten des Hip Hop angeführt worden. Für die revoltierenden Schwarzen in Los Angeles lieferten die Protagonisten des "Gangsta-Cool" die Begleitmusik für eine durch und durch nihilistische Gewaltkultur.
Werden die musikalischen Repräsentanten des "destruktiven Charakters" auch in deutschen Metropolen zu Katalysatoren eines neuen Ghetto-Nihilismus? Wer schon die Vorboten des rauschbereiten Nihilismus bei den Nachahmungstätern von Chemnitz (wo jüngst auch Autos brannten) auflodern sieht, der verkennt die spielerischen und selbstironischen Momente der deutschen Gangsta Rap-Inszenierungen. Die verfassungschützerischen Reflexe von politischer Seite wirken hier einigermaßen komisch - bedenkt man die lammfrommen Reaktionen der deutschen Hip-Hopper auf die staatlichen Verbotsdrohungen.
Kaum hatte Monika Griefahn (SPD), die Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Kultur und Medien, angekündigt, die Ausstrahlung jugendgefährdender Musik-Videos verhindern zu wollen, gaben sich die bösen Rapper von Aggro Berlin auf ihrer Homepage ausgesprochen zahm: "Keiner unserer Künstler oder Mitarbeiter ist rechtsradikal. Dieser Vorwurf ist absurd und entbehrt jeder Grundlage. In keinem unserer Musikvideos wird zu Gewalt gegen Frauen aufgerufen oder anderweitig Gewalt verherrlicht."
Dieses Buhlen um Seriosität überrascht dann doch ein wenig. Denn wer sich mit den künstlerischen Verlautbarungen der Berliner "Gangsta Rapper" beschäftigt, trifft allerorten auf tolle Hechte einer gewaltbereiten Proll-Kultur, die sich gegenseitig mit besonders prahlerischen und großmäuligen Texten überbieten. Der deutsche "Battle-Rapper" ist mindestens ein Prahlhans, ein Großmaul und ein enormer Frauenverbraucher - und lässt keine Gelegenheit aus, seine Vorliebe für Drogen, Analsex und Messerstechereien kundzutun. Erfolg hat in der Szene nur, wer sich als destruktiver Charakter outet. Wer dabei Sprache der Ghetto-Kids am besten simuliert, erreicht auf der Skala des moralisch Korrekten die höchstmögliche Alarmstufe. Den größten Provo-Erfolg hat dabei neben Sido der Rüpel-Rapper Bushido, der seinem Künstlernamen, der "Weg des Kriegers" bedeutet, alle Ehre machen will. "Ich plane Morde und Vergewaltigungen mit Beck´s und Gras. Spürst du mein Messer, das war´s", so reimt Bushido und ist mächtig stolz darauf. Den nationalen Rekord in obszöner Großkotz-Sprache darf aber wohl immer noch Sido mit seinem "Arschficksong" für sich beanspruchen: "den leuten fällt es auf, wir reden ständig über scheiße / egal ob flüssig, fest, braune oder weiße / sie fragen, ob ich nur über analsex reden kann / doch es geht nich anders ... ich bin der arschfickmann!"
Dass nun ausgerechnet dieses eher unappetitliche Werk von der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) als Video ab 16 freigegeben wird, hat bei vielen "Stinos" (Stinknormalen) für helle Aufregung gesorgt. Der Frankfurter Oberstaatsanwalt Peter Köhler sieht in einigen Zeilen von Sidos Werk ("Es fing an mit 13 und einer Tube Gleitcreme. / Kathrin hat geschrien vor Schmerzen, mir hat es gefallen") den Tatbestand der Kinderpornographie erfüllt.
Der Streit um die plumpen Tabuverletzungen von Sido und Bushido hat leider das ganze HipHop-Genre in Misskredit gebracht. Wenn sich hier einige verlorene Bürgerkinder - Bushido brach das Gymnasium ab, sein Kollege Fler ein Mathe-Studium - zu harten Ghetto-Helden aufblasen, sollte nicht übersehen werden, dass wir es bei den grobschlächtigen Gesängen durchweg mit epigonalen Inszenierungen zu tun haben. Was uns der Mann mit der Maske oder sein neuestes Provo-Geschöpf Fler vorführen, sind doch nur Bürgerschreck-Posen, ironische Rollenspiele, narzisstische Verwandlungen. Es wird gewiss noch eine Weile so weitergehen mit dem "dirty speech" vom "Ficken" und "Dissen", und vom "Neger bums mich" (B-Tight) - auch weit über die Ekelgrenze hinaus. So darf ein Sido noch vollmundig dröhnen: "Ich setz die Maske auf und schock die Welt / Ich geb´n fick ob´s euch gefällt" - indes: die Schock-Ästhetik ist nur begrenzt haltbar.
Das Rumgehampel der Coolness-Darsteller mit Kapuzenpullis, riesigen Luxuslimousinen und endzeitlichen Stadtkulissen scheint mittlerweile nicht mehr auszureichen. Im Frühjahr hat Fler vom Aggro Berlin-Label die beliebteste Provokationskarte gezogen. Auf einem Musikvideo zu seinem Album Neue Deutsche Welle, das seine Titelmelodie ziemlich unverfroren beim legendären Amadeus-Song des tödlich verunglückten Dandys Falco klaut, kokettiert er mit den Insignien der Nazis: mit der Frakturschrift und einem verfremdeten Reichsadler, der auf Flers Arm landet. Als diese dubiose Form der Imagepflege zu Recht deutlich attackiert wurde, ruderte man in der Szene kleinlaut zurück: "Es gibt keinen deutschnationalen HipHop"!
Bei Lichte besehen, haben diese Sänger des coolen Vorstadt-Daseins und des harten Migranten- und Hartz IV-Alltags nie so recht unter jener Ghetto- und Proll-Realität gelitten, die sie jetzt besingen. Einzig Bushido hatte im Frühsommer seinen frühen Drogen-Eskapaden die Brutalität einer gefährlichen Körperverletzung hinzugefügt, wegen der er in Österreich zu einer milden Geldstrafe verurteilt wurde. Vor Gericht verwandelte sich der Staatsfeind Nr. 1 (so der Titel seines neuesten Albums) in einen reumütigen Ehrenmann im korrekten Anzug. Der Ghetto-Held als demütiger Biedermann - solche Metamorphosen sind bei den amerikanischen Gangsta Rap-Originalen kaum vorstellbar.
So ist dieser grobe deutsche Ghetto-Rap, der unter den 11- bis 18-Jährigen so großen Anklang findet, nur ein ganz schwacher Abklatsch des authentischen Gangsta Raps der amerikanischen Westküste, der Interpreten wie Snoop Dogg, 50 Cent oder Jay Z zu Multimillionären gemacht hat. Das Tragische der deutschen Gangsta Rapper ist in erster Linie, dass sie musikalisch ihren amerikanischen Vorbildern weit unterlegen sind. Mittlerweile haben Sido und Harris auf ihrem brandneuen Album Deine Lieblingsrapper ihre breitbeinigen Vulgaritäten ein bisschen gemäßigt und präsentieren sich statt als tumbe Kinderschänder lieber als gesellschaftstaugliche Hedonisten. Zwar stehen sie noch immer "auf Ketten und kleine Frauen". Aber sie betonen ihre Realitätstüchtigkeit: "Ich lebe mein Leben so gut ich kann, / auch wenn es nich klappt, wenigstens versuchs ich Mann. / Ich könnt locker im Knast sitzen / Ich hatte Glück, hab mich gefangen und jetz steh ich hier."
Und im deutschen HipHop gibt es nicht nur dröhnende Bösewichte, sondern auch die netten Jungs aus der Nachbarschaft. Es hatte ja alles sehr sozialverträglich angefangen mit den intelligenten schwäbischen Abiturienten der Fantastischen Vier, die 1992 so putzig Die da, die mir den Kopf verdreht besangen, ein ironisches Liebeslied, das die selbsternannten Gangsta-Rapper vom Berliner Kiez heute als "Kindergartenmusik" verhöhnen. Der "Fanta 4"-Vorsänger Smudo sitzt heute in zweitklassigen TV-Unterhaltungsshows und schickt aufmunternde Worte an seine proletarischen Kollegen vom Gangsta-Rap. Die Hamburger Gruppe Absolute Beginner verkündete 1998 auf dem Album Bambule noch antifaschistische Botschaften wider "die Karstadtwelt". Bald darauf drohten sich in der HipHop-Szene die sozialkritischen Impulse aufzulösen. Noch einmal vertrieben die Absolute Beginner fünf Jahre nach Bambule in ihrem Hit Gustav Gans die drohende "Schwermut", um weiterhin das große "Ja" zum "harten" und "manchmal kaltblütigen" Leben singen zu können. In der Gegenwart der großen HipHop-Inflation angekommen, sind es nun aber Bands wie Die Firma, die mit großem Erfolg die Grenze zwischen Rap und sentimentalem Schlagertrübsinn zum Verschwinden bringen. Ihr Riesenhit Die Eine ist mit dem Plädoyer für die Monogamie für alle Bevölkerungsgruppen tauglich: "Ich hab die Frau fürs Leben, die Eine mit der ich alles überlebe ... ich bleib dir treu, so wie Josef Maria, / wir trinken jede Nacht Sangria."
Aber es gibt auch noch die coole gesellschaftskritische Gebärde. Der afrodeutsche Rapper Sammy Deluxe, den die ganz harten Jungs als "primitiven Neger" denunzieren, verbreitet in seinen Gesängen zwar auch manch selbstverliebte Zeile, hat aber auch mit seinem Werk Alptraum eine kritische Sozialstudie vorgelegt, die auf jedem SPD-Parteitag bestehen könnte: "Gerhard (Schröder), schau dir doch unsere Jugend mal an / Ein Drittel starrt mit offenem Mund auf ihre Playstation, / Das zweite Drittel feiert im Exzess als Rave-Nation / Abhängig von teuflischen pharmazeutischen Erzeugnissen, / Weil sie nicht wussten, was diese Scheiß Drogen bedeuteten, / Das Dritte Drittel hängt perspektivlos rum auf deutschen Straßen / Kids mit 13 Jahren ziehn sich schon dies´ weiße Zeug in die Nasen / die keine Ziele und keine Träume haben ... ". Es gibt im deutschen HipHop also nicht nur das Getröte der destruktiven Abräumer und Angeber, sondern auch den mitreißenden Gesang über den bundesrepublikanischen Alptraum.
http://www.freitag.de/2005/47/05471101.php
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